Ein Blick zurück – meine Kindheit in der Nachkriegszeit

Dies ist keine Galerie der Eitelkeit. Es ist ein Weg aus Lumpen und Licht, aus Hunger und Hoffnung, aus Streichen und Stärke. Jedes Bild erzählt von einem Jungen, der lernte, mit wenig viel zu machen. Von einer Mutter, die mit Liebe nährte, als es kaum Brot gab. Von einem Großvater, der sagte: „Begegne jedem auf Augenhöhe – so gewinnst du Respekt.“ Diese Bilder sind keine Nostalgie. Sie sind Erinnerung mit Haltung. Sie zeigen, dass Mut nicht laut ist. Er beginnt oft mit einem stillen Blick, einem geteilten Apfel, einer ausgestreckten Hand. Wer hier schaut, sieht nicht nur Vergangenheit – sondern Möglichkeiten. Denn wer einmal gelernt hat, mit Würde zu leben, der weiß: Das Leben ist nicht das, was man besitzt, sondern das, was man weitergibt.
Hover Expand
„1942 Liebe auf Augenhöhe – mit Mütze“
Meine Mutter – elegant, stolz, ein bisschen größer. Mein Vater – tapfer, verliebt, mit strategisch platzierter Kopfbedeckung. Kurz vor dem Abmarschbefehl wurde noch schnell die Mütze justiert, damit das Hochzeitsfoto nicht nach „David und Goliath“ aussah. Zum Glück erbte ich die Größe meines Großvaters – sonst hätte ich wohl auch gelernt, wie man mit Stil ein paar Zentimeter schummelt.
„„1948 Der kleine Schutzpatron und Schabernacke““
Ein Blick wie Honig – süß, aber klebrig, wenn man ihn unterschätzt. Ich war der Spitzbub, der die Streiche plante, die Türen mit Seilen verband und die Hühner erschreckte. Aber wehe, jemand wollte meinen Mittäter anschwärzen – dann stellte ich mich vor ihn, mit stolz geschwellter Brust und einem unschlagbaren Argument: „War meine Idee.“ Ein kleiner Held mit großen Flausen.
Hover Expand
Hover Expand
„1949 Lumpenstricke auf Beutezug“
Mein Bruder und ich – beste Freunde, Komplizen, kleine Rebellen mit großen Plänen. In der Nachkriegszeit war ein fremder Garten voller Karotten ein Königreich, und ein Erdbeerbeet ein Schatz. Wir krochen unter Zäune, nicht aus Bosheit, sondern aus Hunger nach Leben. Unsere Kleidung war zerschlissen, aber unsere Fantasie war unverwüstlich.
„ 1950 Die Kraft der Mutterliebe – und ein Mann, der nicht dazugehören wollte“
Unsere Mutter war schön, stark und großzügig – mit einem Herzen aus Gold und einem Körper, der uns nährte, als es kaum etwas zu essen gab. Nach dem Tod unseres kleinen Bruders stillte sie uns weiter, weil die Bezugskarten nicht reichten, aber ihre Liebe schon. Dann kam ein Mann, der später unser Stiefvater wurde. Er wollte nicht unser Vater sein – und wir wollten ihn auch nicht. Die Zärtlichkeit wich der Distanz, doch die Erinnerung an ihre Wärme blieb wie ein stiller Schatz in uns zurück.
Hover Expand
Hover Expand
„1952 Kunst gegen Kalorien“
Nach der Einschulung war ich schnell beliebt – nicht wegen meiner Rechenkünste, sondern wegen meiner Bilder. Ich war der Picasso der Pausenhalle, der Rembrandt der Ranzen. Für eine Breze, ein Stück Wurst oder einen Apfel tauschte ich meine Meisterwerke gegen die Noten der anderen. Meine Mutter konnte sich solche Leckereien nicht leisten, mein Vater war in der Normandie gefallen – aber mein Magen war ein überzeugender Verhandlungspartner. Und wenn jemand geärgert wurde, stellte ich mich vor ihn – mit dem Brustton der Überzeugung und einem Buntstift in der Hand.
Auch meini Aufsätze fanden Beachtung. Die Lehrer lobten sie: Interessant - aber die Rechtschrebung!" Ich war besser im Erzählen als im Schreiben. Die Geschichten sprudelte, die Kommas stolperten. Doch schon damals war klar: Der Junge hatte etwas zu sagen"
„1953 Der Fünfte in der ersten Reihe – mit Haltung“
Kurz vor der Kommunion, Aufstellung zum Klassenfoto. Ich – in der ersten Reihe, der Fünfte von links, mit festem Blick und dem festen Entschluss, mich nicht vertreiben zu lassen. ...
Bei der Einschulung war ich der Kleinste, aber mein Großvater hatte mir etwas mitgegeben, das größer war als jeder Zentimeter: „Schau zu keinem hinauf, aber auch zu keinem hinunter. Begegne jedem auf Augenhöhe – so gewinnst du Respekt.“ Ich war noch ein Kind, doch dieser Satz wurde mein Maßstab fürs Leben. Und siehe da – ich wuchs. Nicht nur körperlich.
Hover Expand
Hover Expand
„1953 Stolz wie ein Gardeoffizier – mit Liebe eingekleidet“
Meine Großmutter sagte es mit einem Lächeln: „Du siehst aus wie ein Gardeoffizier.“ Und sie hatte recht. Nicht wegen der Kleidung – obwohl sie dafür die goldene Taschenuhr meines verstorbenen Großvaters verkaufte – sondern wegen der Haltung. Die Zeiten waren hart, doch sie schenkte mir einen unvergesslichen Tag, eine Kerze, ein Fest und das Gefühl, etwas wert zu sein. Ich trug nicht nur Stoff, ich trug ihre Liebe. Und das sieht man bis heute.
„1954 Zwei Lumpenstricke auf freier Fahrt“
Sie sehen harmlos aus, fast brav – aber wehe, man kennt die Geschichte. Heute fuhren sie ohne Geld mit der Straßenbahn. Als der Kontrolleur nahte, trat ich vor eine elegant geschmückte Seniorin und fragte mit Engelsblick: „Oma, dürfen wir deine Hand halten, bis der Kontrolleur vorbei ist?“...
Sie lächelte. „Ihr habt keinen Fahrschein.“ „Wir kommen aus dem Waisenhaus, um unserer Oma zum Geburtstag zu gratulieren.“ Die alte Dame mit dem Schmuck sah uns skeptisch an: „Und wo ist das Geschenk?“ Ich antwortete treuherzig: „Wir haben keins. Wir pflücken ihr Blumen – aus der Parkanlage.“ „Kinder, das darf man nicht.“ Sie öffnete ihre Geldbörse, reichte uns eine Mark und sagte: „Kauft die Blumen im Laden. Und, verschleckt es nicht.“ „Versprochen, Oma. Hand aufs Herz. Wir sind Ehrenmänner.“ Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Und wir fuhren weiter – mit einem Fahrschein aus Mitgefühl.
Hover Expand
Zwischen Kindheit und Aufbruch – die Jahre, die uns formen
Die Kindheit war ein Feld aus Fantasie, Hunger und Mut. Doch nun beginnt ein neuer Abschnitt: die Jugend. Die Welt wurde größer – und ich mit ihr. Die ersten Träume klopften an, manchmal zaghaft, manchmal laut. Die ersten Zweifel auch. Ich lernte, wie man sich behauptet, ohne laut zu werden. Wie man verliert, ohne sich zu verlieren. Die Bilder, die jetzt folgen, zeigen nicht nur einen Jungen im Wachstum – sie zeigen einen Menschen auf der Suche. Nach Freiheit. Nach Gerechtigkeit. Nach sich selbst. Und manchmal auch nach dem nächsten Streich.
Hover Expand
„1958 Der charmante Rebell“
Die Haare brav, der Blick rebellisch – und im Herzen ein Cowboy. Während meine Freunde Tom Prox und Billy Jenkins verschlangen, war mir das zu dünn. Ich wollte mehr – mehr Staub, mehr Drama, mehr Seiten. Also griff ich zu Zane Gray und Louis L’Amour, den dicken Wälzern mit echtem Pulverdampf. Meine Idole? ...
Elvis, Bill Haley, Jerry Lee Lewis, Cliff Richard and the Shadows. Der Plattenspieler glühte, das Kopfkino auch. Ich war bereit für den Ritt durch die Prärie – zumindest literarisch. Und wenn ich dabei aussah wie ein Westernheld auf dem Weg zur Tanzstunde, dann war das eben mein Stil: Wildwest mit Haltung.
„1959 – Mit Moped und Monte Christo“
Gesellenprüfung bestanden. Der Kopf voller Pläne, das Herz voller Musik. Das Oldtimerauto auf dem Foto? Nicht meines. Aber es sah dekorativ aus – wie ein Requisit aus einem Film, in dem ich die Hauptrolle spielen würde. Mein wahres Gefährt war bescheidener, doch für mich ein Königsmobil: ein Moped aus zweiter Hand, Typ Victoria Avanti, feuerrot wie mein jugendlicher Übermut. Ich war stolz darauf, als hätte ich einen Ferrari geerbt. Der Lack glänzte, der Motor röhrte – na ja, eher schnurrte – und ich fühlte mich wie der König der Landstraße. ...
Als Sozius fuhr oft mein Bruder mit, der mir geduldig zu schieben half, wenn mein Moped einen Platten hatte. Aber manchmal – und das waren die besonderen Fahrten – drückten sich hübsche Mädchen an mich. Ihre weichen Körper, ihre kichernden Stimmen, ihr Griff um meine Taille, wenn ich die Kurven etwas zu sportlich nahm: Das war kein Moped mehr, das war ein fliegender Teppich der Verführung.

Musikalisch blieb ich dem Rock’n’Roll treu, doch mein Ohr öffnete sich für neue Klänge: Dixieland-Jazz, Skiffle-Musik, Chris Barber, Papa Bue’s Viking Jazz Band, Mister Aker Bilk. Auch meine Bücher wurden dicker und tiefgründiger: Alexandre Dumas, Frank Yerby, Thomas Edward Lawrence. Ich las von Rache, Revolution und Wüstenstürmen – und träumte davon, selbst Geschichte zu schreiben.
Hover Expand
„1960 – Der Engel, der mich zum Vater machte“
Mit 17 las ich Bücher von Victor Hugo, Hervey Allen und Leo Tolstoi. Mein Musikgeschmack neigte sich zu südamerikanischen Rhythmen – feurig, melancholisch, verführerisch. Ich war kein gewöhnlicher Teenager. Ich war ein verliebter Abenteurer auf geheimer Mission...
Sie war kein Mädchen wie jedes andere. Nein, sie war ein Engel mit kirschroten Lippen, die aussahen, als hätte Amor persönlich sie mit Marmelade bestrichen. Der Garten des Krankenhauses, in dem sie für einige Wochen zur Beobachtung verweilte, war streng bewacht. Der Zaun zu ihr war hoch – ihre Familie noch höher. Doch ich war nicht irgendein Möchtegern-Romeo. Ich war Kater Stanislaus, der Meister der nächtlichen Schleicheinlagen.

Der Regen hatte den Boden unter dem Eingangstor ausgewaschen – ein Geschenk des Himmels oder ein Komplott der Wettergötter. Ich kroch hindurch, nicht elegant, aber entschlossen. Und siehe da: Meine Kühnheit wurde belohnt.

Was ich nicht wusste: Der Preis für meine Tapferkeit war kein Orden – sondern ein Baby. Neun Monate später war ich nicht nur verliebt. Ich war Vater. Unbeabsichtigt, aber nicht unberührt.
„1967 Vom Liebesabenteuer zum Familienoberhaupt“
Trotz des Riesenwirbels – wir waren beide minderjährig, und die Gerüchteküche brodelte wie ein Schnellkochtopf ohne Deckel – war ich stolz auf mein süßes Engelchen. Sie war nicht nur meine große Liebe, sondern auch der Beweis, dass selbst jugendlicher Leichtsinn manchmal mit einem goldenen Herzen belohnt wird....
Wieder neun Monate später, mit amtlichem Segen und einem Anzug, der mir ein bisschen zu groß war, durften wir heiraten. Und dann purzelten zwei weitere Wunder in mein Leben: ein goldiges Mädchen mit Augen wie Sternschnuppen und ein kleiner Thronfolger, der schon im Windelalter versuchte, das Kommando zu übernehmen.

Das Bild, das heute noch existiert, zeigt nicht den Anfang, sondern das Ergebnis: ein Vater auf einem Hocker, umgeben von seinen Kindern – warm eingepackt, mit großen Augen und kleinen Händen. Es ist kein Studiofoto mit Schleier und Anzug, sondern ein echtes Zeugnis von Liebe und Verantwortung, die früher begann als geplant – aber genau zur richtigen Zeit.

Ein Hochzeitsfoto haben wir leider nicht mehr – es ging verloren zwischen Umzügen und Lebensetappen. Was blieb, war das Wichtigste: unsere kleine Familie.
„1969 "Windeln statt Wertpapiere"“
Zu meinem weitgefächerten Musikinteresse – zwischen Rock’n’Roll, Dixieland-Jazz und südamerikanischen Rhythmen – gesellten sich nun auch Operetten. Meine Schwiegermutter hatte mich mit Besuchen im Theater am Gärtnerplatz dafür begeistert.
Während meine Klassenkameraden Sparanlagen aufbauten und über Zinssätze diskutierten, baute ich eine Familie auf – mit Windeln statt Aktien, Gute-Nacht-Geschichten statt Börsenberichten. Und ehrlich gesagt: Ich hätte mit keinem von ihnen tauschen wollen. Es war meine Welt.
„1973 – 30 Jahre jung Der Preis des Feuers – Erfolg mit Schatten"“
Ich wollte nicht nur Kinderwagen schieben, sondern auch ein Auto fahren. Also bewarb ich mich für den Außendienst. In meiner neuen Anstellung bekam ich Gehalt, Provision und einen Firmenwagen zur Privatnutzung. Meine Frau war glücklich, ich war stolz. Ehrgeizig, zielstrebig, erfolgreich – bald wurde ich Bezirksleiter, überzeugte mit Charme und Verhandlungsgeschick. Auch bei einer Bäuerin, die bereit war, mir ein Grundstück in traumhafter Lage zu verkaufen. Ein Architekt entwarf unser Haus – ein Symbol für das, was ich mir aufgebaut hatte.
Auf meinen Geschäftsreisen hatte ich bisher allen Versuchungen widerstanden. Bis zu jenem Moment. Ich fing Feuer – und verlor die Kontrolle. Was folgte, war keine Affäre, sondern eine Katastrophe. Familie, Vermögen, Pläne, Seelenfrieden – alles zerbrach.

Ich redete mir ein, ich hätte zu jung geheiratet, um die Konsequenzen zu beschönigen. Doch es war zu spät, es ungeschehen zu machen. Es waren nicht die materiellen Verluste, die schmerzten – es war der Schmerz, den ich meiner Familie zufügte. Und mir selbst. Die Folgen begleiteten mich über Jahre.

Dieses Bild zeigt einen Mann, der glaubte, alles im Griff zu haben – und erst später erkannte, dass wahre Stärke nicht im Aufstieg liegt, sondern im Maßhalten. In der Treue. In der Verantwortung.
Zwischen Dunkelheit und Morgenlicht – ein Übergang
Manchmal endet ein Kapitel nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Fragezeichen. Nach dem Bruch, nach dem Schmerz, nach dem langen Echo der Entscheidungen stand ich da – nicht als Held, nicht als Opfer, sondern als Mensch. Die Welt war dieselbe, doch ich war es nicht mehr. Ich hatte gelernt: Reue ist kein Rückfahrtticket, sondern ein Kompass. Und Vergebung kommt nicht immer von anderen – oft muss sie von innen wachsen.

Was jetzt folgt, ist kein Neuanfang im klassischen Sinn. Es ist ein Weitergehen mit offenen Augen. Die Bilder, die demnächst folgen, zeigen nicht das perfekte Leben. Aber sie zeigen das echte. Mit neuen Begegnungen, neuen Farben, neuen Fragen – und der stillen Hoffnung, dass aus Fehlern Weisheit wächst. Denn wer einmal gefallen ist und wieder aufsteht, trägt etwas in sich, das kein Erfolg je ersetzen kann: Tiefe.

Für manche verläuft das Leben nicht linear. Es gleicht eher einer Berg- und Talfahrt. Doch sowohl Höhen als auch Tiefen sind Lernpunkte. Bald geht es hier weiter – mit Bildern meines Lebenswegs